Meine frühe Kindheit: Entdecken des Jodelgesangs Am 04.06.1970 wurde ich in Basel geboren. Zusammen mit meiner Schwester Sylvia (1967) wuchs ich in Reinach BL in einer für die damalige Zeit üblichen Familienform auf: Mein Vater war berufstätig und meine Mutter in der Rolle der Hausfrau. Während mein Vater nicht sonderlich musikalisch war, spielte meine Mutter Klavier und lernte mit uns schon früh Kinderlieder, häufig im Volkslied-Charakter und hie und da mit einem Jodel versehen. Gemäss der natürlichen Methode «Vorzeigen-Nachmachen» lernten wir auf diese Weise unbewusst jodeln. Aus stilistischer Sicht standen Vreni Kneubühl und Jakob Ummel im Vordergrund. Insbesondere für meinen Vater war der Jodelstil der beiden Ikonen das Mass aller Dinge: «Chäch», bodenständig und – seinen Wurzeln geschuldet – echt bernisch! Der Zufall wollte es, dass eine unserer direkten Nachbarinnen, Erna Arnold, über den Gartenzaun unser Singen, Jodeln und Trällern wahrnahm. Sie war Jodlerin und Dirigentin der Jodlerklubs Arlesheim und Laufen. Auf einfache, aber sehr zweckmässige Art spielte sie Handorgel und begleitete sich selbst. In ihrer etwas burschikosen Art eröffnete sie unseren Eltern, dass man mit uns mal etwas üben sollte. So zog sie ihre Handorgel an, nahm ein paar Jodel-Büchlein in die Hand und wechselte von ihrer Stube in die unsrige. Fortan wurde einmal wöchentlich zusammen geprobt. Die Lieder, die wir lernten, stammten von Ummel, Sommer und Stähli und somit aus dem traditionellen, sehr hörfälligen Spektrum. Dieser Einstieg kam uns entgegen, denn wir konnten uns die Melodien und die Texte schnell merken. Im damaligen Jodel-Unterricht mit Erna standen nebst Atemtechnik und Reinheit eine gut verständliche Aussprache, präzise Rhythmik und vor allem eine korrekte Vokalisation im Vordergrund. So wurde oftmals jedem Ton eine Silbe zugeordnet, die Vokalisation galt es einzuhalten. Im Alter von 5 Jahren hatte ich mit meiner Schwester Sylvia, begleitet von unserer Jodellehrerin Erna Arnold, meinen ersten öffentlichen Auftritt am Unterhaltungsabend des JK Arlesheim.
Meine Jugendzeit: Förderung durch Marie-Theres von Gunten Berufliche Umstände meines Vaters führten 1979 zu einem Umzug nach Langenthal. Hier setzte sich meine obligatorische Schulzeit fort. Mit dieser Veränderung war die Suche nach einer neuen Jodel-Lehrkraft verbunden. Marie-Theres von Gunten unterrichtete uns fortan; sie dirigierte damals den Jodlerklub Roggwil. So fanden wir schnell wieder Anschluss an die Jodlergemeinschaft, in stilistischer Hinsicht jedoch in einem anderen Umfeld. Marie-Theres verschob die bisherigen Schwerpunkte des Gesangsunterrichts und erweiterte unser technisches Spektrum. Stimmsitz, Atemtechnik und ein stimmschonender, auf Nachhaltigkeit ausgelegter Stimmeinsatz gewannen an Bedeutung. Die damit verbundene Art des Jodelns kollidierte anfänglich insbesondere mit den Vorstellungen meines Vaters. Doch die Zweifel verstummten schnell. Einerseits konnten meine Schwester und ich uns stimmlich weiterentwickeln und dadurch auch jodeltechnisch etwas anspruchsvollere Duettlieder singen. Zudem waren zur damaligen Zeit gesangstechnische Mängel bei etlichen Jodler:innen unüberhörbar. Ein zu kraftvoller Stimmeinsatz gepaart mit zu wenig Sensibilität für den ganzen Körper beendete hin und wieder eine Jodler:innen-Laufbahn auf abrupte Art. Die Förderung durch Marie-Theres war für mich auch hinsichtlich meiner Kenntnisse der Jodel-Literatur wegweisend. Sie eröffnete mir den Blick zum kunstvollen Jodelgesang, erschaffen und gepflegt durch Komponisten wie Krenger, Gassmann, Fellmann, Lienert, Grolimund und weitere. Diese Konstellation führte mich mitten in ein Spannungsfeld, dem ich weder ausweichen konnte noch wollte: auf der einen Seite das urchige, gehörfällige, teils spontane Jodeln - auf der anderen Seite das gepflegte, sehr kultivierte, teils auf Perfektion ausgerichtete Jodeln. Während etliche Jodler:innen Partei ergriffen, indem sie das eine verteidigten und das andere kritisierten, entwickelte ich Verständnis für die verschiedenen Ausprägungen. Mit meinem Traditionsverständnis sehe ich weder Vorteile noch einen Sinn darin, das eine gegen das andere auszuspielen. Es gilt zu akzeptieren, dass die Geschmäcker verschieden sind. Der Umgang mit solchen Spannungsfeldern war für mich nicht immer einfach. Etliche Mühe hatte ich zu dieser Zeit im Umgang mit sturen Volksmusikliebhaber:innen. Passte eine bestimmte Ausprägung des Jodelns in ihren Gehörgang, wurde diese bis in den Himmel gelobt und gewürdigt. War das jedoch nicht der Fall, wurde sie schnell einmal herabgewürdigt oder gar als Gefahr für die Tradition dargestellt. Mein heutiger, wertfreier Umgang mit dem Kulturgut Jodeln erleichtert es mir, mit solchen Spannungsfeldern reflektiert umzugehen. Man kann durchaus seine musikalischen Vorlieben haben und dennoch andere Stilrichtungen wertschätzen.
Instrumentale Volksmusik: Vom Schwyzerörgeli zum Jodelbegleit Meine Schwester war generell die Fleissigere von uns beiden. So erhielt sie ein Schwyzerörgeli in die Hände gedrückt und setzte sich autodidaktisch damit auseinander. Ein paar wenige Griffe und Hinweise des Onkels genügten, und sie war in der Lage, auf diesem Instrument zu spielen. Auch eine chromatische Schwyzerorgel stand plötzlich im Haus, der meine Schwester sofort die ersten Töne und Akkorde entlockte. Es dauerte nicht lange, bis sie die ersten Jodellieder selbst mit einer Akkordbegleitung untermalte. Das weckte in mir Interesse und anfänglich auch etwas Neid. Denn ich wollte auch Schwyzerörgeli lernen und folgte ihr deshalb bald nach. Mit der Zeit war es üblich, dass wir nicht nur als Jodelduett, sondern auch als Schwyzerörgeliduett auftraten, wobei ich das Fundament des Kontrabasses jeweils vermisste. Weil Marie-Theres und ihr damaliger Duettpartner, Hans Schöpfer, keine Instrumentalbegleitung hatten, begann meine Schwester, sie zu begleiten. Ich durfte mittlerweile in den Handorgelunterricht, spielte aber schon zur damaligen Zeit am liebsten Jodel-Begleitungen. Dies hatte seine Vor- und Nachteile: Einerseits lernte ich bis zu einem gewissen Grad das Notenlesen, andrerseits spürte ich aber, dass ich aus dem Stegreif wesentlich schneller Musik erfassen und nachspielen konnte. Diese Entwicklung führte dazu, dass ich während rund 30 Jahren aktiv als Instrumentalbegleiter einiger Jodler:innen unterwegs war, darunter auch Marie-Theres von Gunten und Hans Schöpfer sowie verschiedene Formationen in der Region Langenthal und Solothurn. Über viele Jahre war ich als Instrumentalbegleiter meiner Schwester Sylvia und im Umfeld des Jodlerklubs Grenchen tätig, namentlich zusammen mit Verena Uhlmann. Die Zusammenarbeit mit diesen beiden Jodler:innen war für meine Entwicklung als Komponist entscheidend. Sie sangen viele meiner Solo- und Duettlieder jeweils erstmals vor Publikum. Auch im Bereich der Instrumentalbegleitung prägten mich in diesen Jahren verschiedene Musiker. Als Schwyzerörgeler spielte ich zusammen mit meiner Schwester über eine kurze Zeit hinweg auch in einem Schwyzerörgeliquartett mit. Anfänglich waren es die Schmid-Buebe, die mich faszinierten und für mich den Status einer Kult-Band erlangten. Sie verschoben damalige Grenzen im Berner Örgelistil und lösten einen regelrechten Boom aus. Im Bereich Akkordeon faszinierte mich besonders Willi Valotti, sei es im Innerschweizer oder im Appenzeller-Stil. Als Instrumentalbegleiter war und ist er mein Vorbild schlechthin. Zusammen mit Fellmann und Stähli gehört er auch zu meinen Vorbildern im Bereich der Komposition.
Meine Kompositionen und Arrangements Meine ersten eigenen Jodelmelodien fielen mir ca. 1990 ein. Unterwegs mit der Frage, ob daraus jemals etwas Brauchbares entstehen könnte, machte ich mich auf in die Bibliothek und schaffte mir Zugang zu Gedichtbändchen von Beat Jäggi. Seine lyrische Sprache und seine Fähigkeit zur literarischen Ver-Dichtung von Bildern, von Menschen- oder Natur-Beobachtungen entsprachen mir schon damals. 1993 entstand aus einem Jäggi-Text mein erstes Sololied, gefolgt von weiteren Liedern aller Gattungen bis und mit Männerchor. Alle meine Kompositionen entstehen auf ähnliche Weise: Melodie und Harmonie sind bei mir eng miteinander verbunden, sie entstehen stets miteinander. Das ist auch bei Chorliedern der Fall, wobei hier nur die Basslinie in einem frühen Stadium feststeht. Die Mittelstimmen hingegen deuten sich bloss an, hier setzt für mich das eigentliche Handwerk ein. Das Ausschaffen einer Komposition kann sich bei mir über eine längere Zeit hinweg ziehen. Zur Unterstützung kann ich jeweils aus jodlerisch-sängerischer Sicht auf das Feedback von Verena Uhlmann zurückgreifen. Hinsichtlich Satztechnik und Harmonieführung bespreche ich offene Fragen mit Willi Valotti oder Peter Künzi. Auch Musiker aus anderen Sparten haben mich diesbezüglich unterstützt. Die meisten der heute rund 30 Kompositionen entstanden zwischen 1993 und 2009, danach war ich musikalisch weniger aktiv. Die Texte meiner Lieder stammen von Beat Jäggi, Lisbeth Arnold, Hanny Schenker-Brechbühl, Michael Stettler, Josef Reinhart und – für Kinder-Jodellieder – von Lorenz Pauli. Im Umfeld der Grenchner Jodler:innen, die seit den 1990er Jahren von Verena Uhlmann dirigiert wurden, verbrachte ich meine intensivste Zeit als Aktiver. Es zeigte sich, dass Verena und ich ein ähnliches Musikempfinden hatten, was die Zusammenarbeit in verschiedenen Projekten begünstigte und zu vielen schönen Momenten des gemeinsamen Musizierens führte. Von den ca. 30 Jodelliedern zählen «Wulche», «Stärne» und «I wett e Rose finde» zu den bekanntesten. Nebst dem Komponieren bereitet mir das Arrangieren von Begleitungen oder Volksmusik allgemein Freude. Dies begann 1995, als ich anlässlich der Abschlussprüfung im Fach Musik am Lehrerseminar das südamerikanische Lied «Un poquito cantas» mit einem Appenzeller Naturjodel verband und endete vorübergehend mit Arrangements für Orchester und Jodelchor im Rahmen der Konzertreihe «Jodel meets Classic» (2022/2025).
Die Entwicklung meiner Stimme Der bald drohende «Stimmbruch» wurde in meinem Umfeld früh thematisiert. So erhielt ich bereits als Knabe etliche Hinweise und Ratschläge, was wann zu tun oder zu unterlassen sei. Mit der Mutation im Jugendalter entwickelte sich mein Stimmorgan vom Knabensopran zur Bassstimme. Anfänglich empfand ich es als Verlust, keinen Zugang mehr zu einer tragfähigen Stimme im Bereich der Kopfstimme zu haben. Ich konnte mich jedoch nach und nach mit der Bassstimme anfreunden und begann, in tieferen Lagen in den Gattungen Terzett, Quartett und Chor mitzusingen. Im Jodlerklub Bärgbrünnli Grenchen war ich von 1989 bis 1993 Mitglied als Sänger, später über mehrere Jahrzehnte als Instrumentalbegleiter und gelegentlich als Aushilfssänger. Als junger Erwachsener war ich zweimal von einer Stimmstörung betroffen. Dies führte mich zur Therapie bei Margrit Blatter, der späteren Lebensgefährtin von Heinrich von Bergen. Diese Therapien erweiterten meine Sensibilität und meine Kenntnisse in Zusammenhang mit der Stimme und dem Körper. Für meine Tätigkeit als Instrumentalbegleiter waren diese Erfahrungen mit der eigenen Jodel- und Bassstimme sehr wertvoll. Ich konnte mich besser in die Situation der Jodelnden versetzen. Auf diese Weise entwickelte ich eine gewisse Sensibilität und konnte dadurch situativ mit dem Instrument mehr stützen oder durch schwierigere Passagen hindurch begleiten, im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Stellenwert des Jodelns in der damaligen Gesellschaft Der Jodelgesang wurde in meiner Jugendzeit unterschiedlich wahrgenommen. Was zuhause wertgeschätzt wurde und in mir in der frühen Kindheit eine Leidenschaft entfachte, wurde im städtisch geprägten Baselbiet mehr oder weniger belächelt. Jodeln galt in vielen Kreisen der Gesellschaft als «Gejohle der Bauern» und wurde als Subkultur herabgewürdigt. Dies löste in mir unterschiedliche Gefühle und schon damals vielerlei Gedanken aus. Als ich meiner damaligen Kindergärtnerin anvertraute, dass ich jodle, fühlte sich dies an wie ein kleines Coming-out. Nachdem ich ihr ein paar Töne vorgesungen und -gejodelt hatte, reagierte sie erfreut und überrascht. Sie motivierte mich, dies mit der Klasse zu teilen, was ich mich dann auch getraute. Es fühlte sich wie ein Wechselbad der Gefühle an; sie reichten von Scham bis hin zu leisem Stolz. Als sehr unterstützend empfand ich, dass meine Schwester denselben Weg verfolgte und wir im engeren Umfeld vor allem durch unsere Eltern gefördert wurden. Bis ins junge Erwachsenenalter wurde ich im Kollegenkreis für mein Hobby ausgelacht. Dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen: Sie hat mich entschlossen und hartnäckig genug gemacht, meinen eigenen Weg zu gehen, aber auch ein offenes Ohr für kritische Stimmen zu haben. Zudem hat dies meine Motivation gestärkt, in meinem Jodlerleben einen Beitrag zur besseren Verankerung des Jodelns zu leisten. Unser Brauchtum mit all seinen Facetten hat es verdient, in einem anderen Licht betrachtet und wertgeschätzt zu werden. Diese Überzeugung wiederum führt auch dazu, dass sich meines Erachtens Organisationen wie der Eidgenössische Jodlerverband mit seinen Mitgliedern stets weiterentwickeln und die optimale Balance zwischen Bewahrung und Weiterentwicklung suchen und finden müssen. Das ist ein immerwährender, anspruchsvoller Prozess.
Meine Faszination für die Vielfalt des Jodelns Durch mein Interesse am Naturjodel wurde ich nach und nach auf die Naturtönigkeit und damit auf ein grundlegend anderes Tonsystem aufmerksam. Mir war über Jahrzehnte hinweg nicht bewusst, dass Instrumente wie Schwyzerörgeli und Klavier auf einer gleichschwebenden Stimmung basieren, die bloss ein paar Jahrhunderte alt ist. Die einzig bekannte Abweichung vom gängigen Tonsystem war lange Zeit das «Alphorn-Fa». Das wurde hingegen einseitig der Sparte Alphorn- und Büchelblasen zugewiesen. Einige meiner Kontakte, insbesondere ausserhalb des Jodlerverbands (Klangwelt Toggenburg, Haus der Volksmusik, HSLU), führten mich zu entsprechender Fachliteratur und eröffneten mir den Zugang zum natürlichen Tonsystem und dem damit verbundenen Naturgesetz. Mein Interesse in diesem Bereich wuchs ab dem Jahr 2011 mehr und mehr und brachte mich in Kontakt mit denjenigen Muotathaler «Juuzer», die zwar nicht als Mitglied im Verband, aber durchaus statutenkonform unterwegs waren. Ebenso besuchte ich Veranstaltungen im Alpstein und in der Innerschweiz zum Thema Naturtönigkeit, die mein Wissensspektrum erweiterten. In Gesprächen zu diesem Thema bestätigte sich, dass die Beziehungen zwischen dem EJV und einigen Naturjodler:innen bis heute teils belastet sind. Das heisst aber nicht, dass man frühere Generationen dafür kritisieren sollte. Wir wissen ja selber nicht so genau, ob wir im Hier und Jetzt nicht auch solche «Altlasten» produzieren. Obwohl ich durch meinen Werdegang primär das Jodellied kennengelernt habe, ist in mir auch eine Zuneigung zum Naturjodel gewachsen. Dadurch habe ich heute mehr Verständnis für Mitglieder, die im Umgang mit dem Naturjodel Kritik üben. Doch mit Kritik allein ist es nicht getan. Gute Lösungen fallen nicht vom Himmel – auch im Geschichtsbuch des EJV findet sich niemand, der ein taugliches Rezept präsentieren konnte. Ich denke, dass für die Erarbeitung von tragfähigen Lösungen von allen Beteiligten eine gewisse Kompromissbereitschaft nötig ist, insbesondere was die Ausgestaltung der zukünftigen Jodlerfeste betrifft.
Meine berufliche Laufbahn 1990 schloss ich meine Lehre als Elektroniker in der ASCOM in Solothurn ab. Danach orientierte ich mich beruflich neu, weil ich trotz meinem Interesse an Technik und Elektronik vermehrt mit Menschen arbeiten wollte. Bald darauf absolvierte ich die Ausbildung zum Primarlehrer in Spiez, wo ich anschliessend als Primarlehrer an der 5./6. Klasse während fünf Jahren unterrichtete. Insbesondere der Start in den Lehrerberuf war für mich herausfordernd und anspruchsvoll. 2001 konnte ich meine methodisch-pädagogischen Fähigkeiten mit den technischen Interessen verbinden und arbeitete fortan in der Entwicklung digitaler Lernmedien im Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Nach Weiterbildungen in Blended Learning, Projektmanagement und einer Führungsausbildung übernahm ich im VBS das Team «Interaktive Medien», welches ich während sieben Jahren führte. 2023 entschied ich mich wiederum für einen beruflichen Wechsel und arbeite seither im Eidgenössischen Personalamt (EPA). Hier bin ich zurzeit in der Personalentwicklung tätig und koordiniere unsere Arbeit im Competence Center Digitales Lernen mit Vertreter:innen anderer Bundesämter. Zusätzlich arbeite ich im KI-Netzwerk Bund mit.
Meine Familie Kurz nach meinem Start als Primarlehrer in Spiez lernte ich meine zukünftige Frau kennen, die damalige Fachlehrerin für Textiles Gestalten. Fanny war u.a. an meiner Klasse tätig und es zeigte sich bald, dass unsere Interessen über das rein Schulische hinausgingen. 1999 heirateten wir und wohnten zuerst in Spiez sowie später in Krattigen in gemeinsamen Wohnungen. Fanny ist für mich in vielerlei Hinsicht eine wichtige Stütze in meinem Leben, so auch bei meiner Arbeit als Komponist. Sie entwickelte ein Gespür dafür, welche Liedertexte mir entsprechen und in mir etwas auslösen könnten. So hat sie beispielsweise den Gedichtband von Michael Stettler nach Hause gebracht, welchen ich vorher nicht kannte. Im Jahr 2000 ging unser Kinderwunsch in Erfüllung: Mit Lea kam ein lebensfrohes, quicklebendiges und neugieriges Mädchen zur Welt. Die Geburt war allerdings insbesondere für Fanny nicht einfach. Eine Komplikation führte dazu, dass Lea zu früh auf die Welt kam. Sie kämpfte sich jedoch dank der sehr guten medizinischen Betreuung problemlos durch die ersten Lebenswochen. Diese Erfahrung führte letztlich zum Entscheid, dass unsere Familie zu dritt vollkommen war. Die musikalischen Interessen meiner Familie sind vielfältig: Mit 5 Jahren erlernte Lea das Geigenspiel und ist mittlerweile als Mitglied in verschiedenen Amateurorchestern in Bern tätig. Nebst ihrer Leidenschaft für die klassische Musik teilt Lea mit mir die Faszination für verschiedene Ausprägungen der Schweizer Volksmusik, darunter auch für die «neue Volksmusik». Zusammen mit meinem Schwager nahmen wir 2019 als «Trio Gürbetal» am Eidgenössischen Volksmusikfest in Crans-Montana teil. Dabei spielten wir auch meine bisher einzige Instrumentalkomposition «Salami la sy». Ab 2010 verlagerten sich meine Interessen und Aufgaben von der aktiven Volksmusik in andere Lebensbereiche. Als Vizepräsident des Schulgemeindeverbandes meiner Wohngemeinde lernte ich, das Schulwesen nach meiner Lehrertätigkeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dabei wurde ich auch mit der Organisation und den Abläufen in der Gemeinde bzw. der Gemeindepolitik vertraut. Gleichzeitig erforderte die gesundheitliche Entwicklung unserer Eltern von Sylvia und mir vermehrte Präsenz und Unterstützung.
Meine Hobbys: Natur und Sport Meine Freizeit verbringe ich vorzugsweise draussen in der Natur und finde im Sport seit meinen Jugendjahren die nötige Abwechslung zum Arbeitsalltag. Wanderungen, Skitouren und Velotouren stehen regelmässig auf meinem Programm – mal etwas gemächlicher, mal etwas sportlicher. Auch in der Arbeit im Garten und im Holzen im Gebirgswald im Oberhasli finde ich Erfüllung. Seit 2017 geniesse ich im Winter zudem das sanfte Gleiten auf den Langlaufskis, vorwiegend im Gantrischgebiet. Die unterschiedlichen Stimmungen in der voralpinen Winterlandschaft, sei es frühmorgens oder nachts, sorgen für einprägsame Momente. Insbesondere die oftmals herrlichen Sonnenuntergänge erfüllen mich mit Dankbarkeit und mahnen mich leise daran, dass das Leben vergänglich ist und es gilt, die schönen Momente zu geniessen!
Meine Begegnungen im Jodlerverband und an Jodlerfesten Unsere erste Jodellehrerin Erna Arnold war bald nach Beginn unserer Zusammenarbeit der Ansicht, dass wir nun auch an den Jodelkursen des Nordwestschweizerischen Jodlerverbandes NWSJV teilnehmen sollten. Schon in den 1970er Jahren war in den Jodlerverbänden eine rege Kurstätigkeit vorhanden. So fand ich mich als Unterstufenschüler plötzlich in einem Schulhaus in Olten wieder. «Jodeln muss gepflegt werden, und zwar so, wie es der Jodlerverband macht.» Das war die Devise zur damaligen Zeit. Dieser streng-normative Umgang mit dem Brauchtum Jodeln irritierte selbst die Kursleitung: Sie konnte zu Beginn nicht damit umgehen, dass plötzlich zwei «fremde Kinder» im Kurslokal standen. Dies wiederum irritierte meine Eltern. Sie konnten die kritisch-ablehnende Haltung nicht verstehen, sprach man doch schon damals von Nachwuchsmangel und Überalterung in den Chören. Man einigte sich darauf, dass wir zu Beginn ein Duettlied vorzutragen hätten. Plötzlich schwappte die Stimmungslage vollends in die andere Richtung: Es dominierten Freude und Anerkennung in den Reihen der Erwachsenen. Etwas seltsam war es für mich zu Beginn zudem, konsequent inmitten von Frauen zu stehen und zu jodeln, während die Männer in einem anderen Zimmer übten. Meinen ersten Auftritt an einem Jodlerfest hatte ich am BKJV-Jodlerfest 1976 in Steffisburg, allerdings unter speziellen Umständen. Unsere Jodellehrerin und unsere Eltern motivierten uns, vor dem Wettkonzert ungefragt auf die Bühne zu gehen und ein Jodellied zu singen. Das Publikum reagierte sehr erfreut, die Stimmungslage bei mir war jedoch gemischt. Auf der einen Seite verspürte ich die Freude am Jodeln und das wohltuende «Wir-Gefühl» in der Gemeinschaft, auf der anderen Seite aber auch drängende Fragen, auf die damals niemand aus der Erwachsenenwelt eine Antwort liefern konnte: Warum muss man sich als Kind am Jodlerfest auf die Bühne zwängen? Warum sprechen alle von Nachwuchsförderung und Überalterung der Chöre, wenn sie gleichzeitig nicht bereit oder nicht in der Lage sind, motivierte Kinder am Fest zu integrieren? Rückblickend lassen diese Erinnerungen in mir ein Schmunzeln aufkommen. Sie lassen sich heute durch Lebenserfahrung, Empathie und Perspektivenwechsel einordnen. Dennoch haben diese teils schwierigen Umstände im Umfeld des Jodlerverbandes mein Traditionsverständnis und den Umgang mit Menschen und Menschengruppen beeinflusst: Es ist nicht immer alles gut, nur weil der Stempel «Tradition» angebracht wurde. Primär als Instrumentalbegleiter nahm ich von 1982 bis 2011 regelmässig an Jodlerfesten teil. In intensiveren Zeiten waren es bis zu vier Feste, in ruhigeren Zeiten war es maximal eines pro Jahr. Diese Tätigkeit mit verschiedenen Formationen in den Unterverbänden BKJV, NWSJV und ZSJV führte zu einem reichen Erfahrungsschatz. Nebst einem grösseren Spektrum an Jodelliteratur lernte ich auch verschiedene Umfelder kennen, die von Dirigent:innen, häufig auch von Jurymitgliedern geprägt waren. Auch das musikalische und gesangliche Niveau erlebte ich unterschiedlich. Zwar waren es meist gut bis sehr gut geschulte Jodler:innen, die ich begleiten durfte, welche auch entsprechend bewertet wurden. Zu diesen Erfahrungen gehört aber auch eine wichtige Lebenserfahrung am anderen Ende der Bewertungsskala. Ein Jodlerpaar im Kanton Bern, das ich begleitete, verharrte musikalisch auf tiefem Niveau und wurde dadurch, aber auch aus sozialen Gründen, ausgegrenzt. Die beiden verloren aber nie die Freude am Jodeln und traten trotz gesellschaftlicher Ablehnung immer wieder auf. Nach einer Klasse 4 hiess die Devise: «Wir machen weiter und lassen uns die Freude nicht nehmen.» Erreichte die Jodlerin des Duetts als Solojodlerin eine Klasse 2, war für sie das Maximum erreicht. Sie war darüber hocherfreut und zehrte während Monaten von diesem Erfolg. Dieses Erlebnis führte mich damals zur Frage, wer denn eigentlich zu den «Stärkeren» in der Jodlergemeinschaft gehöre. Sind es die «Stehaufmännchen», die nie aufgeben und sich ob einer «guten» Klassierung freuen? Oder sind es diejenigen, die meist «sehr gut» abschneiden, aber bei einer «guten» Klassierung den Kopf hängen lassen und wochenlang mental betreut werden müssen?
Bewertung an Jodlerfesten: Ein Dauerthema Meine Erfahrungen als Teilnehmer und unzählige Gespräche mit Jodler:innen aus verschiedenen Unterverbänden führten einerseits zu einem höheren Interesse an der Thematik Bewertung von Gesang bzw. von Musik. Andrerseits entwickelte ich schon als junger Erwachsener eine differenzierte Haltung: Während ich den mündlichen und schriftlichen Rückmeldungen in Form der damaligen Festberichte viel abgewinnen konnte, entwickelte ich eine zunehmend kritische Haltung zur Einteilung von Vorträgen in ein Punktesystem, in Klassen oder Prädikate. Der Umgang in der Laienkultur mit Jodler:innen, die «gut» oder «befriedigend» abschnitten, war und ist aus meiner Sicht fragwürdig. Er steht teilweise in deutlichem Widerspruch zu den Werten, die in Liedertexten besungen werden. Es passt nicht zum Bild, das man in Jodlerkreisen gerne nach aussen strahlt. Freundschaft und Vertrauen müssen gelebt werden. Was sie wert sind, zeigt sich insbesondere in anspruchsvollen Situationen. Darüber singen oder schön gestaltete Leitbilder publizieren, reicht nicht. Insbesondere die Entwicklung nach der Jahrtausendwende hin zu einer Zweiklassengesellschaft sowie das abzugsorientierte Denken führten mich in dieser Zeit zur totalen Ablehnung der damals praktizierten Klassierung. Ich übte unter anderem in Fachartikeln teils scharfe Kritik an dieser Entwicklung, brachte aber auch Vorschläge für Veränderungen ein. Meine Kritik sowie die Vorschläge wurden damals von Verbands-Verantwortlichen offiziell zurückgewiesen. Inoffiziell hingegen war man sich sehr wohl bewusst, dass die Entwicklung in der Sparte Jodeln etwas Problematisches in sich hat. Etliche Gespräche brachten mich zur Erkenntnis, dass man sich damals in der Führungsetage sowie in der Jury des EJV uneinig war. Die Kommunikationskultur erlaubte es damals noch nicht, einen fachlichen, aber kritischen Dialog zu führen. Der spürbare, gemeinsame Nenner aller Verbandsmitglieder war und ist bis heute die Freude am Kulturgut Jodeln. Verbreitet war auch die Haltung, dass sich bei Problemen primär die anderen zu verändern und an sich zu arbeiten hätten. Mehr und mehr entstand der Eindruck, dass sich die Strukturen des EJV auch dafür eignen, die Verantwortung abzuschieben. Seien es Unterverbände mit ihren regionaltypischen Ausprägungen des Jodelns, seien es Vorstände, Kommissionen oder die Basis selbst: Wer nicht bei sich selbst ansetzen und kreativ werden will, fand immer ein «Gefäss», wo er seine Kritik deponieren konnte. Heute nehme ich Spuren aus diesen Zeiten zwar immer noch wahr, jedoch hat sich einiges in eine gute Richtung bewegt. Der mittlerweile länger andauernde Mangel an Jurymitgliedern, die teils rückläufigen Teilnehmerzahlen an Jodlerfesten sowie die aufkommende Unzufriedenheit an der Basis haben zu einem anderen Problembewusstsein geführt. Das bekannte 4-Klassensystem in der Sparte Jodeln mit all seinen Auswirkungen erhält nicht mehr die notwendige Unterstützung. Es ist aus meiner Sicht nicht überlebensfähig. Anders lässt sich der Juror:innenmangel trotz der intensiven, vielfältigen Ausbildungstätigkeit im Bereich der Dirigent:innen kaum erklären.
Das Konzept zum «Jodlerfest der Begegnung» Während die Corona-Pandemie ab 2020 das kulturelle Leben praktisch lahmlegte und erst nach und nach eine Entspannung eintrat, propagierte der Zentralvorstand des EJV eine neue Idee: Er schlug vor, am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel 2021 ein «Jodlerfest der Begegnung» durchzuführen und damit auch Jodler:innen auftreten zu lassen, die nicht Mitglied im Verband waren. Das Jodlerfest musste jedoch wegen der Pandemie verschoben werden und mit dem Übergang in die Normalität löste sich diese Idee im Jodlerverband wieder in Luft auf. Ich fand das schade und nicht zeitgemäss, weil es etliche andere Gründe für eine Veränderung gab, die nicht von der Pandemie ausgingen. Stadt-Land-Graben, Polarisierung, Individualisierung und Zweiklassengesellschaft sind Begriffe, die zu unserer gesellschaftlichen Entwicklung gehören. Die diesbezüglichen Probleme sind nicht verschwunden und machen sich hie und da auch im Bereich der Volkskultur bemerkbar. So nahm ich die Idee des «Jodlerfests der Begegnung» des Zentralvorstandes als Einzelmitglied wieder auf und entwickelte daraus ein konkretes Konzept. Im Kern zeichnet sich das «Jodlerfest der Begegnung» für die Sparte Jodeln in drei Merkmalen aus: • Einmaliges Pilotprojekt am Eidgenössischen Jodlerfest • Zugang für Laien-Jodler:innen, die (noch) nicht Mitglied im Verband sind • Zwei Gefässe: Bewertete Vorträge und Nicht-bewertete Vorträge, welche aber ein förderorientiertes Feedback beinhalten
Erste Vorstellungen des Konzepts beim Vorstand des NWSJV sowie an den Herbstkonferenzen 2024 und 2025 führten zu mehrheitlich positiven Rückmeldungen. Diese motivieren mich bis heute, diesen Weg konsequent weiterzugehen und das Potenzial für eine bessere Zukunft an Jodlerfesten aufzuzeigen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ein solches Pilotprojekt für die heutigen Generationen Neuland bedeutet. Wir haben ebenso wenig Erfahrung damit wie unsere Vorfahren. Genau um diese fehlenden Erfahrungen zu sammeln, lohnt es sich, das «Jodlerfest der Begegnung» durchzuführen. Danach können wir immer noch frei entscheiden, was wir in Zukunft tun oder lassen wollen.
Das Fachreferat: «Die Geschichte des Jodelliedes» Mein Interesse am Brauchtum Jodeln führte mich mehr und mehr zu einer Forschungstätigkeit auf Laien-Niveau. So begann ich mich mit alten Ton- und Bildaufnahmen auseinanderzusetzen, Biografien bekannter Persönlichkeiten zu lesen und die Archive von SRF und EJV zu durchstöbern. Daraus entstand ein Fachreferat unter dem Titel «Die Geschichte des Jodelliedes». Anfänglich gehörte es zum Angebot der EJV-Weiterbildung in Stans. Heute bin ich als Fachreferent in den Dirigent:innenkursen des EJV engagiert und zeige den angehenden Dirigent:innen aus einer wertneutralen Optik die Entwicklung des Jodelliedes auf. Dazu gehören auch Hinweise und Empfehlungen für ihre Arbeit im Umgang mit verschiedenen Spannungsfeldern, wie beispielsweise zwischen Naturgesang und Kunstgesang oder zwischen städtischen und ländlichen Einflüssen. Ebenso enthält das Referat zur Veranschaulichung mehrere Ton- und Videosequenzen bekannter Persönlichkeiten einschliesslich Jakob Ummel, Hedy Schmalz, Adolf Stähli, Robert Fellmann und Hans-Walter Schneller.
UNESCO: Mitarbeit bei verschiedenen Projekten Die Aufnahme des Jodelns in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit hat eine ideale Basis geschaffen, um sich vermehrt mit anderen Kulturorganisationen zu vernetzen und gemeinsame Projekte zu starten. Ich sehe darin nicht nur eine Wertschätzung derjenigen Arbeit, die bereits geleistet wurde. Für mich ist es ein neuer Auftrag, das Jodeln auf zeitgemässe Art zu präsentieren, ohne dabei die Wurzeln der Tradition zu vernachlässigen. Dafür arbeite ich in einem Netzwerk mit diversen Volksmusikant:innen und Organisationen, die auch ausserhalb der Verbandsstrukturen operieren, sich aber besser vernetzen wollen. Meine Mitarbeit an verschiedenen Projekten, beispielsweise für kinder- und jugendgerechte Jodelliteratur, fürs «jodelnde Klassenzimmer» oder für das Museum ALPS befriedigt mich gleichermassen wie eine Virtual-Reality-Produktion im Bereich Naturjodel, welche durch das Bundesamt für Kultur unterstützt und von der HSLU geleitet wird.
Quelle: Autobiographie Jürg Röthlisberger (verfasst am 06.09.2026) |