Gottfried Strasser, geboren in Lauenen BE, wuchs als zweiter Sohn mit seinem Bruder Hans des aus Wangen an der Aare stammenden Pfarrers Johann Strasser im Pfarrhaus von Langnau im Emmental auf, wohin die Familie 1855 gezogen war. Gottfried studierte Theologie in Bern. Sein Bruder Hans studierte Medizn in Bern. 1883 wurde er zum ausserordentlichen Professor an die Albert-Ludwigs-Universität im deutschen Freiburg berufen. Von 1887 bis 1927 war er ordentlicher Professor für Anatomie an der Universität Bern und von 1898 bis 1899 deren Rektor. Unter seiner Leitung entstand das Anatomische Institut derselben Universität.
Gottfried war mehr als dreissig Jahre, vom März 1879 bis zum frühen Tode, Pfarrer in Grindelwald und wurde bekannt als «Gletscherpfarrer» und Verfasser des ''Grindelwaldliedes''. Dieses stammt aus der Zeit von 1897 bis 1898, wurde zur Melodie von Johann Rudolf Krenger am 29. Januar 1899 im Hotel Eiger in Grindelwald vermutlich erstmals öffentlich aufgeführt und im Mai 1900 anlässlich des Oberländischen Gesangfests in Thun einem grösseren Publikum vorgestellt. Ein weiteres bekanntes Lied von Strasser ist dasjenige vom ''Trueberbueb'', das er 1875 gedichtet hatte und das ebenfalls von Krenger vertont wurde. Der bedeutende Vertreter der bernischen Vermittlungstheologie war auch neben dem eigentlichen Pfarramt äusserst tätig: Er gründete den gemeinnützigen Verein, setzte sich ein für den Tourismus, organisierte Hochgebirgskurse für Bergführer und war selber aktiver Turner, dazu Kommandant der Feuerwehr, Schulpräsident, Obmann der Schweizer Alpen-Club-Rettungsstadion, Feldprediger und Förderer der Berner Oberland-Bahnen.
Seine Gattin Elise, geborene Rüegg, aus dem Zürcher Oberland hatte er 1881 geheiratet. Sie schenkte ihm acht Kinder: Elise (1882), Johanna (1883), Gottfried (1885), Werner (1886), Karl (1887), Hedwig (1888), Gertrud (1891), Wilhelm (1892).
Am 18. August 1883 wurde Gottfried Strasser in den kantonalen Verfassungsrat gewählt, der 1884 eine Revision der bernischen Verfassung von 1846 vorbereitete. Die Revision scheiterte aber in der Volksabstimmung und kam erst 1893 zustande.
Von 1888 bis 1890 gab Strasser als «Familienblatt für die Gemeinde Grindelwald zu Nutz und Frommen von Alt und Jung» den ''Gletschermann'' heraus und von 1896 bis in sein Todesjahr 1912 führte er einen Briefwechsel mit dem österreichischen Volksschriftsteller Peter Rosegger. Er schrieb ihm in einer Versepistel vom Christmonat 1896: « Bärgpfarrer bi-n-i, naach bir Jungfrau zueche. Mys Volch u dys sy hundertmale glych, vom glyche Fleisch u Bluet im Guet u Böse... O, wie isch d'Seel vom Alpevolch so rych! » Zu seinen weiteren Korrespondenten gehörten Johanna Spyri, Emanuel Geibel, Jakob Christoph Heer, Ernst Zahn, Joseph Victor von Scheffel, Josef Reinhart, Joseph Victor Widmann und Rudolf von Tavel.
Am Sonntag nach dem verheerenden Brand von Grindelwald am 18. August 1892 hielt er eine eindringliche Predigt, die 1893 in Bern zusammen mit einem Bericht über den Brand im Druck erschien. Auf eine 1885 erfolgte Aufforderung des Synodalrats der reformierten Landeskirche hin hatte er zuvor schon eine Schrift ''Für unsere Auswanderer'' verfasst. Ebenfalls veröffentlicht wurde seine Bergpredigt zur Eröffnung der Jungfraubahn am 19. September 1898. Seine zahlreichen Gelegenheitspublikationen versah er gerne mit eigenen Zeichnungen.
Der «Gletscherpfarrer» bildete in Grindelwald eine regelrechte Touristenattraktion, so dass der Zürcher Nationalrat Johann Kaspar Baumann (1830-1896) schreiben konnte: «... nach Grindelwald gehen und den Gletscherpfarrer nicht gesehen und kennengelernt zu haben, würde für den Schweizer ungefähr die gleiche Bedeutung haben, wie wenn ein gläubiger Katholik nach Rom pilgerte und den Papst nicht gesehen hätte».
Quelle: verschiedene, Buch 50 Jahre BKJV 1967, Stand 18.6.2025 IvA |