Von der Kunst des Dichtens

von Paul Schreiber, Wegenstetten

Liebe Leserinnen und Leser,

Es gibt heute viele, welche versuchen nebst ihrer eigenen Musik

auch den Text zu schreiben. Das ist erfreulich, bedarf jedoch ein

wenig Kenntnisse über Rhythmusformen und Versmasse, damit

das Gedicht einen wohlklingenden melodischen Fluss bekommt.

Text und Melodie sollen zu einer Einheit verschmelzen. Nachste-

hende Beispiele mögen zum besseren Verständnis beitragen.

 

Dichtersprache: Soll edel, einfach,leicht verständlich, originell

abwechslungsreich, und  klangvoll sein.

Schöne Verse klingen schon ohne Vertonung wie Musik!

Ausschmücken mit Eigenschaftswörtern,

siehe Beispiel „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uhlan

Es stand in alten Zeiten ein Schloss so hoch und hehr

weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer;

und rings von duft’genGärten ein blütenreicher Kranz

drinn sprangen frische Brunnen im regenbogen Glanz.

nicht zuviel einsilbige Wörter nacheinander verwenden.

Flick-und Füllwörter vermeiden, Wortschatz erweitern

setzen von Höhepunkten (Ueberaschung, Effekt,  Pointe usw.)

Auf die Reihenfolge der Vokale und deren Färbung achten.

Rhytmik:  Die geordnete Folge von Hebungen und Senkungen der

Silben wird Rhythmus genannt, (Gesetz der schönen Verhältnisse)

Versfüsse: Nachstehend die vier gebräuchlichsten

1.Jambus    Aufspringer beginnt mit einer leichten Silbe

leicht, schwer,  auch Senkung / Hebung genannt

oder  betont und unbetont, zum Beispiel

I gane über dWeide i mit Wehmuet und mit Truure  Silben 8/7

I bi der guldig Sunnestrahl tue lüüchte über Bärg und Tal 8/7

E Jodler jo das möcht  i  si  8/8 E prächtig schöne Maietag 8/7

 

2.Trochäusauch Läufer genannt, hier beginnt die schwere

Silbe zuerst und ist ruhiger und bestimmter

Hebung- Senkung  /  schwer-leicht

Beispiele: Grosser Gott wir loben Dich //   Schwyzerbode...

Härte Stamm mit chrumme  Aeschte // Heilig isch der Herr

Singe wei mir jutze wei mir//  Früeh am Morge uf de Bärge

Tritts im Morgenrot daher//  Hüt geit’s luschtig, hei ju hei!

3.Anapäst  (anapaistos zurückgeschlagen, Gegenschlag)

Er verbindet zwei leichte Silben  mit einer nachfolgenden

schweren (an der Hand) Beispiele: elf Silben sind typisch

Wie blüeje die Blueme im Gärtli am Hag!           11

Sie strahle so prächtig am sunnige Tag             11

 

I wünsch Dir e Rose wo nur für die blüeht,        11

e Liebi wo härzlich um dich sich bemüeht          11

 

Jetz geit es i dHöchi, der Maie isch cho,             11

und Gletscher die schine ja dAlpzyt isch do.      11

 

Die jeweiligen 2 leichten Silben geben dem Lied einen noch

schwungvolleren Rhythmus  als der Jambus

Vertonte Texte im Jambos und Anapäst beginnen im Lied immer

mit einem Auftakt. Trochäus- und Daktyluslieder beginnen

in der Regel mit dem Volltakt und meistens mehrstimmig. Sie können

jedoch auch so vertont werden, dass erst die dritte Silbe betont

wird, dann gibt es einen zweier Auftakt, z.B. Bärg-Arve, Sunntig

„Härte Stamm mit chrumme- n-Äschte“, Gascht in Wald am Sunn-

tigmorge. Das Lied Jung sy beginnt intressanterweise mit einem

betonten Aufttakt. Auftakt und Schlag eins sind beide betont.

wie Sturmschritt  Spondeus  genannt  auch Gleichschritt

 

4.Der Daktylus (mit Fingerglied vergleichen) lang / kurz / kurz

(umgekehrte Form vom Anapäst) Die Hebung kommt zuerst

Die Wesensart vom  Daktylus ist kräftig, überzeugend

und schwungvoll; wird oft mit demTrochäus vermischt

Schwinget Gesellen die Kellen, oder nachstehendes Gedicht

1.Schaust Du der Ber-ge ge-wal-ti-ges Bild?        10

Ber-ge der Hei-mat uns Pan-zer und Schild.         10

Dank sei dem Schö-pfer, ihm Lob-preis und Ehr, 10

der un-se-rem Lan-de einst gab die-se Wehr!       10

4.Gross Dei-ne Lie-be, die uns war zu-teil,           10

Hel-fer und Ret-ter, Be-schüt-zer und Heil!           10

Be-tend er-he-ben zu Dir wir den Blick:                10

Va-ter im Him-mel er-halt un-ser Glück!                10

Reimarten

Der direkte Reim hier reimt  sich die erste und zweite Zeile so-

wie die dritte und vierte miteinnander nach Schema a-b  c-d

Der überspringende Reim, da reimt sich die Zeile eins und drei

zwei und vier, also nach Schema a-c, b-d

Der  gemischte Reim,  da reimt sich die erste und vierte Zeile

die zweite und dritte nach Schema a-d, b-c

Der knappe Reim dort wo der Schwerpunkt mehr auf dem Inhalt

als auf dem Reim liegt. So wird nur die Zeile zwei und vier gereimt.

Der unreine Reim z.B.  Blick mit  Glück   //  Feld mit  Welt

Wie ist die Welt so stille und in der Dämm’rung Hülle

Auf offene und geschlossenen „0“ achten z.B. Sonne  Wonne

Sohn Lohn; falsch wäre Ofen mit offen zu reimen,  suchen nach

weniger abgegriffenen Reimen; den Reim nicht an den Haaren her-

beiziehen.  Der Rhythmus ist wichtiger als der Reim.

Assonanz statt Vollreim, Beispiel „ Zu Strassburg auf der Schanz

da fing mein Leiden an“ oder garniert /blüjt  (aus Waldverspräche)

Die Strophen die sich reimen sollten, haben statt dem Reim nur Klang-

ähnlichkeit, welche beim Singen nicht negativ wargenommen wird.

 

Ungereimt z.B. „Der Herr ist mein Hirt“ (hebräische Poesi)

Z.B. Vater unser // Psalmen und freie Verse sind zum Vertonen viel

anspruchsvoller, sie werden meistens durchkomponiert.

Metrik  ist die Art und Weise, wie ein bestimmter Rhyhtmus in der

Sprache dargestellt wird, wie seine Hebungen und Senkungen

durch Silben ausgefüllt werden, gibt das Metrum an.

Anzahl Silben pro Zeile z.B.  a9   b8  c9  d8  //  a8   b7  c8  d7

a8   b8  c8  d8  oder 1. und 3. Zeile 6 Silben 2.+4. Zeile 5 Silben

Direkter Reim und ohne Endungen wirken Schlag auf Schlag

Von dem Dome schwer und bang  tönt der Glocke Grabgesang. //

Die alti Uhr lauft Tag für Tag,  verchündet d Zyt im Stundeschlag.

si schlat eus allne für ne Rung,  die erschti und die letschti Stung!

Bei einem längeren Gedicht wechseln je nach Begebenheiten die

Versformen .Beachtenswert ist eines der berümtesten Gedichte

„Das Lied der Glocke“ von Friedrich Schiller.  In reicher Fülle wird

der ganze Werdegang der Glocke verglichen mit dem menschlichen

Leben in allen Phasen von der Geburt, der Jugend, die ersteLiebe,

Ehe, Schicksal, Feuersbrunst, Krieg, Frieden und Freude.

Alliteration oder Stabreim besteht im Gleichklang der Anlaute heute

noch geläufige Redewendungen dick und dünn, frank und frei,  Haut

und Haar, Mann und Maus, Wind und Wetter, Schimpf und Schande,

Lust undLiebe,  Land und Leute,  Anfang und Ende, einer für alle

Empfehlung für „angehende DichterIinnen“ Viele gute Gedichte

dichte von verschiedenen mundart- und schriftdeutschen Autoren

immer wieder laut lesen und richtig betonen um ein natürliches

Gefühl für Rhythmik, Metrik und Wohlklang unserer schönen

Sprache zu bekommen. Die Liebe zu unserer Sprache vermittelt uns

auch Heimatsinn und Geborgenheit.

Die schöne Form macht kein Gedicht der schöne Gedanke tuet es

auch noch nicht; es kommt drauf an, dass Leib und Seele zur guten

Stunde sich vermähle. (Zitat Geibel)

Viel Freud mit euserer Sproch wünscht Euch Paul Schreiber