Grolimund Emil
(10.8.1873 – 2.10.1948)

1. Sein Leben
Emil Grolimund stammt aus einer grundmusikalischen Familie. Sein Vater, Sigmund Grolimund, wirkte in Büsserach SO und Rodersdorf SO als Lehrer. Bekannt wurde er jedoch mehr dadurch, dass er – durch einen Aufruf der Schweizerischen Volksliederkommission ermuntert – an freien Sonntagen in die Dörfer, Weiler und Gehöfte der Kantone Aargau und Solothurn hinauswanderte, sich alte Volkslieder (wie sie Grossvater und Grossmutter noch sangen) schlecht und recht vorsingen liess, Text und Melodie möglichst genau notierte und dieselben schliesslich durch den Verlag der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Basel, in zwei Bänden (1910 „Volkslieder aus dem Kanton Solothurn“ und 1911 „Volkslieder aus dem Kanton Aargau“) herausgab.
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch sein Sohn Emil, der am 10. August 1873 in Rodersdorf, im äussersten Zipfel des solothurnischen Schwarzbubenlandes geboren wurde, schon erblich musikalisch stark belastet zur Welt kam. Er erhielt eine gründliche Ausbildung in Klavier und Violine, zuerst von seinem Vater, später von den Fachlehrern der höheren Schulen in Aarau.
Nach der Übersiedelung nach Aarau war sein Vater Redaktor und Korrektor bei der grossen Theater-Verlagsfirma Sauerländer und im Nebenamt Organist und Vereinsdirigent. Dort besuchte der aufgeweckte Knabe Emil die Stadtschulen und durfte schon als Achtjähriger die geistlichen Lieder, die sein Vater dirigierte, auf der Orgel begleiten. Später erlernte er noch verschiedene Blasinstrumente und wirkte unter anderem als Instruktor von Militärmusiken.
Gerne wäre Emil Lehrer oder Musiker geworden, aber die Mittel dazu reichten nicht aus. Seine frühe Vertrautheit mit der Orgel lenkte sein Interesse daher in diese Richtung, und so wurde er Orgel- und Klavierbauer, was eine gründliche Schreinerlehre voraussetzte. In verschiedenen Firmen im In- und Ausland wirkte er in der Folge als Orgel-Intonator und Klavierstimmer, zu welchen Berufen ihn sein absolutes Gehör wahrlich prädestinierte. Nie aber vergass er, wo immer er konnte, sich auf allen Gebieten der Musik bei prominenten Lehrern (Angerer in Zürich, Breitenbach in Luzern, Prof.Dr.Gerold in Frankfurt a.M.) und an Kursen weiterzubilden.
Seine Tätigkeit führte Emil Grolimund in die verschiedenste Gaue unseres Landes. So lernte er Land, Leute und Brauchtum kennen. Das mag ihm sicher die Impulse zum Komponieren von Jodelliedern gegeben haben. Seine grossen musikalischen Fähigkeiten, sein pädagogisches Geschenk, seine Bescheidenheit und Freundlichkeit im Umgang mit den Mitmenschen liessen ihn zum erfolgreichen Chorleiter werden. So leitete er auch in Chur den Männerchor „Frohsinn“, für welchen er 1904 seine ersten zwei Jodellieder „Liebha“ und „Hochsigzyt“ komponierte. Sie wurden ganz im Verstohlenen eingeübt, und die erste öffentliche Aufführung war ein Bombenerfolg. Im Bündnerland war es auch, wo Emil seine Lebensgefährtin Anna Emerita Niederer fand.
In Metz bekam er eine sehr gute Arbeitsstelle, aber der erste Weltkrieg führte ihn mit seiner Familie 1917 wieder nach Zürich, wo er in der Pianofabrik Hüni & Co volle 18 Jahre als Cheftechniker wirkte, bis ihm ein Arbeitsunfall mit 62 Jahren die Ausübung seines geliebten Berufes verunmöglichte. Nunmehr betätigte er sich als freier Musiker.
So wurde Emil in vorgerückten Jahren noch ein gesuchter Privat-Musiklehrer, Dirigent, Komponist, Arrangeur und Verleger. Überall, wo es etwas zu helfen und zu arrangieren gab, war er dabei, als freier Musiker, hatte und fand endlich Musse, sich intensiv mit Komponieren zu beschäftigen. Und es war sein fruchtbarstes und erfolgreichstes kompositorisches Schaffen. Die verwendeten Liedertexte stammten entweder aus seiner eigenen Feder, oder er griff auf Unterlagen von Mundartdichtern zurück wie Theodor Bucher, Ernst Eschmann, Albin Fringeli, Julius Lattmann, Meinrad Lienert oder Josef Reinhard. Er arbeitete oft von morgens früh bis weit in die Nacht hinein. So entstanden, die Jungkompositionen mitgerechnet, über 200 Lieder, nebst vielen Bearbeitungen alter Volkslieder. Emil gehörte zu den Wegbereitern des Jodelliedes in der Ostschweiz.
Und als ausführender Musiker? „Papa Grolimund“ wurde im ganzen Land herum bekannt durch seine Radio-Sendungen „Es Stündli Bodeständigs“, vielleicht das Beste auf dem Gebiet der Volksmusik während vieler Jahre. Mitwirkende waren zumeist die Jodlerinnen Friedy Uetz, Martheli Mumenthaler, Olga Klemm und als Tenor Werner Huber. Begleitet wurden diese Sendungen von den Handharmonika-Virtuosen Maurice Thöny oder Albert Achermann und einer Gruppe von Musikern des Radio-Orchesters. Solche Aufführungen verlangten jeweils ein bis zwei Monate Arbeit. Nebst bestehenden Kompositionen gelangten auch Uraufführungen zum Vortrag. Die verbindenden Texte stammten ebenso aus der Feder Emil Grolimunds wie die Arrangements für die Orchestermusik. Selbstverständlich war Emil auch für das Einstudieren verantwortlich, dirigierte die ausschliesslichen Live-Sendungen auch persönlich, und dies alles gegen ein selbst für die damaligen Verhältnisse recht bescheidenes Entgeld, das er zudem seinen Mitwirkenden voll und ganz überliess. Für diese Sendungen musste er lediglich ein Zeitprogramm einsenden, und es war sicherlich ein grosser Vertrauensbeweis, dass man ihm jeweils unbesehen eine ganze Stunde für die Sendung einräumte. Wie aus unzähligen Briefen an das Studio hervorging, fanden seine Sendungen bei der Hörerschaft einen geradezu unwahrscheinlichen Anklang. Alles wurde seinerzeit auf Stahlband aufgenommen, doch existieren diese Aufnahmen seit der Umorganisation leider nicht mehr.
Trotz seiner starken Beanspruchung war Emil Grolimund ein guter Familienvater. Seine Bindung zu Frau und Kinder war tief verwurzelt, und er war immer bemüht, neben der grossen Arbeit für seine Eigenen da zu sein. Frau und Kinder verehrten ihn. Emil starb im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krankheit.

2. Sein musikalisches Werk und seine Bedeutung
Das Gesamtverzeichnis von Emil Grolimunds Werken, zusammengefasst nach Gattungen, präsentiert sich wie folgt:
53 Männerchöre (9 davon ohne Jodel)
19 Gemischte Chöre (2 davon ohne Jodel)
  7 Frauenchöre (1 davon ohne Jodel)
„Die Schweizer Jodlerin“:
  5 Hefte mit total 45 Solo- und Duettliedern mit Handolgelbegleitung
„Jetzt wämmer eis jutze“:
  1 Heft mit 15 Solo- und Duettliedern
15 Orchesterstücke mit Gesang
  6 Potpourris mit Gesang und Jodel
16 Instrumentalstücke
38 verschiedene Lieder, nur im Manuskript vorhanden
10 Cornett-Quartette „Euses Schwyzerland“
(Total über 200 Werke)

Wie sind diese Werke zu beurteilen?
Es gelang Emil Grolimund, leicht fassliche Jodellieder nach Volksart zu schreiben. Durchwegs ist der gemütliche, heimelige Schweizerton getroffen, oft in einer Vollendung, dass man keine Note anders setzen möchte, also bis zum Letzten ausgereift. Wo immer es anging, brachte er freilich Farbe und Abwechslung in die Harmonik, Kontrast ins Ganze, aber ohne sich je ausgesprochen kunstgemässer Chromatik zu verschreiben. Er blieb auch im Jodel melodisch fein ausgeglättet, dem wahren Naturbild treu, welches er nicht durch Kunstgriffe trüben wollte. Er war ein Talent, das im Boden der Heimat wurzelte. Mit einem angeborenen (und erarbeiteten) künstlerischen Gewissen schrieb er seine echt schweizerische, romantische Musik, oft melodisch in körniger Gedrängtheit und mit einem derb-älplerischen, naturechten Realismus. Sein poetischer Schwung und die symmetrische Gliederung fallen auf und fesseln den aufmerksamen Zuhörer. Die Jodellieder wirken besonders durch ihren Frohmut, ihre heimelige Wärme, aber auch durch den häufig anzutreffenden gesunden Humor. Und wenn man erst bedenkt, dass vielleicht der Grossteil seiner Lieder nach 12- bis 15-stündigem „Tageskrampf“ entstanden ist, dann muss man Respekt bekommen vor diesem Mann, vor dieser gewaltigen Arbeitskraft.
Alle seine Lieder sind korrekt und mustergültig gesetzt. Emil Grolimund hat zeitlebens gelernt und sich dann als Meister der Volksmusik erwiesen. Darum steht er mit seinen Werken neben Krenger, Schmalz und Fellmann in der Geschichte des Jodelliedes sicher an erster Stelle. Und es steht ausser Zweifel, dass seine Arbeit für die seinerzeitige und die folgenden Komponistengenerationen wegweisend und einflussreich war und immer noch ist.
Es ist zu hoffen, dass die Qualität solch „alter“ Kompositionen wieder vermehrt erkannt und geschätzt wird. Sicher aber sind sie musikalisch und formal ausserordentlich wertvoll und verdienen es, wieder an Festen und Konzerten gesungen zu werden.

Quelle: „Bärgfrüehlig 2/1986“, Autor Heinz Willisegger, Stand 30.7.07, TA