
1. Sein Leben
Emil
Grolimund stammt aus einer grundmusikalischen Familie. Sein Vater, Sigmund
Grolimund, wirkte in Büsserach SO und Rodersdorf SO als Lehrer. Bekannt wurde er
jedoch mehr dadurch, dass er – durch einen Aufruf der Schweizerischen
Volksliederkommission ermuntert – an freien Sonntagen in die Dörfer, Weiler und
Gehöfte der Kantone Aargau und Solothurn hinauswanderte, sich alte Volkslieder
(wie sie Grossvater und Grossmutter noch sangen) schlecht und recht vorsingen
liess, Text und Melodie möglichst genau notierte und dieselben schliesslich
durch den Verlag der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Basel, in zwei
Bänden (1910 „Volkslieder aus dem Kanton Solothurn“ und 1911 „Volkslieder aus
dem Kanton Aargau“) herausgab.
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch sein Sohn Emil, der am 10.
August 1873 in Rodersdorf, im äussersten Zipfel des solothurnischen
Schwarzbubenlandes geboren wurde, schon erblich musikalisch stark belastet zur
Welt kam. Er erhielt eine gründliche Ausbildung in Klavier und Violine, zuerst
von seinem Vater, später von den Fachlehrern der höheren Schulen in Aarau.
Nach der Übersiedelung nach Aarau war sein Vater Redaktor und Korrektor bei der
grossen Theater-Verlagsfirma Sauerländer und im Nebenamt Organist und
Vereinsdirigent. Dort besuchte der aufgeweckte Knabe Emil die Stadtschulen und
durfte schon als Achtjähriger die geistlichen Lieder, die sein Vater dirigierte,
auf der Orgel begleiten. Später erlernte er noch verschiedene Blasinstrumente
und wirkte unter anderem als Instruktor von Militärmusiken.
Gerne wäre Emil Lehrer oder Musiker geworden, aber die Mittel dazu reichten
nicht aus. Seine frühe Vertrautheit mit der Orgel lenkte sein Interesse daher in
diese Richtung, und so wurde er Orgel- und Klavierbauer, was eine gründliche
Schreinerlehre voraussetzte. In verschiedenen Firmen im In- und Ausland wirkte
er in der Folge als Orgel-Intonator und Klavierstimmer, zu welchen Berufen ihn
sein absolutes Gehör wahrlich prädestinierte. Nie aber vergass er, wo immer er
konnte, sich auf allen Gebieten der Musik bei prominenten Lehrern (Angerer in
Zürich, Breitenbach in Luzern, Prof.Dr.Gerold in Frankfurt a.M.) und an Kursen
weiterzubilden.
Seine Tätigkeit führte Emil Grolimund in die verschiedenste Gaue unseres Landes.
So lernte er Land, Leute und Brauchtum kennen. Das mag ihm sicher die Impulse
zum Komponieren von Jodelliedern gegeben haben. Seine grossen musikalischen
Fähigkeiten, sein pädagogisches Geschenk, seine Bescheidenheit und
Freundlichkeit im Umgang mit den Mitmenschen liessen ihn zum erfolgreichen
Chorleiter werden. So leitete er auch in Chur den Männerchor „Frohsinn“, für
welchen er 1904 seine ersten zwei Jodellieder „Liebha“ und „Hochsigzyt“
komponierte. Sie wurden ganz im Verstohlenen eingeübt, und die erste öffentliche
Aufführung war ein Bombenerfolg. Im Bündnerland war es auch, wo Emil seine
Lebensgefährtin Anna Emerita Niederer fand.
In Metz bekam er eine sehr gute Arbeitsstelle, aber der erste Weltkrieg führte
ihn mit seiner Familie 1917 wieder nach Zürich, wo er in der Pianofabrik Hüni &
Co volle 18 Jahre als Cheftechniker wirkte, bis ihm ein Arbeitsunfall mit 62
Jahren die Ausübung seines geliebten Berufes verunmöglichte. Nunmehr betätigte
er sich als freier Musiker.
So wurde Emil in vorgerückten Jahren noch ein gesuchter Privat-Musiklehrer,
Dirigent, Komponist, Arrangeur und Verleger. Überall, wo es etwas zu helfen und
zu arrangieren gab, war er dabei, als freier Musiker, hatte und fand endlich
Musse, sich intensiv mit Komponieren zu beschäftigen. Und es war sein
fruchtbarstes und erfolgreichstes kompositorisches Schaffen. Die verwendeten
Liedertexte stammten entweder aus seiner eigenen Feder, oder er griff auf
Unterlagen von Mundartdichtern zurück wie Theodor Bucher, Ernst Eschmann, Albin
Fringeli, Julius Lattmann, Meinrad Lienert oder Josef Reinhard. Er arbeitete oft
von morgens früh bis weit in die Nacht hinein. So entstanden, die
Jungkompositionen mitgerechnet, über 200 Lieder, nebst vielen Bearbeitungen
alter Volkslieder. Emil gehörte zu den Wegbereitern des Jodelliedes in der
Ostschweiz.
Und als ausführender Musiker? „Papa Grolimund“ wurde im ganzen Land herum
bekannt durch seine Radio-Sendungen „Es Stündli Bodeständigs“, vielleicht das
Beste auf dem Gebiet der Volksmusik während vieler Jahre. Mitwirkende waren
zumeist die Jodlerinnen Friedy Uetz, Martheli Mumenthaler, Olga Klemm und als
Tenor Werner Huber. Begleitet wurden diese Sendungen von den
Handharmonika-Virtuosen Maurice Thöny oder Albert Achermann und einer Gruppe von
Musikern des Radio-Orchesters. Solche Aufführungen verlangten jeweils ein bis
zwei Monate Arbeit. Nebst bestehenden Kompositionen gelangten auch
Uraufführungen zum Vortrag. Die verbindenden Texte stammten ebenso aus der Feder
Emil Grolimunds wie die Arrangements für die Orchestermusik. Selbstverständlich
war Emil auch für das Einstudieren verantwortlich, dirigierte die
ausschliesslichen Live-Sendungen auch persönlich, und dies alles gegen ein
selbst für die damaligen Verhältnisse recht bescheidenes Entgeld, das er zudem
seinen Mitwirkenden voll und ganz überliess. Für diese Sendungen musste er
lediglich ein Zeitprogramm einsenden, und es war sicherlich ein grosser
Vertrauensbeweis, dass man ihm jeweils unbesehen eine ganze Stunde für die
Sendung einräumte. Wie aus unzähligen Briefen an das Studio hervorging, fanden
seine Sendungen bei der Hörerschaft einen geradezu unwahrscheinlichen Anklang.
Alles wurde seinerzeit auf Stahlband aufgenommen, doch existieren diese
Aufnahmen seit der Umorganisation leider nicht mehr.
Trotz seiner starken Beanspruchung war Emil Grolimund ein guter Familienvater.
Seine Bindung zu Frau und Kinder war tief verwurzelt, und er war immer bemüht,
neben der grossen Arbeit für seine Eigenen da zu sein. Frau und Kinder verehrten
ihn. Emil starb im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krankheit.
2. Sein
musikalisches Werk und seine Bedeutung
Das
Gesamtverzeichnis von Emil Grolimunds Werken, zusammengefasst nach Gattungen,
präsentiert sich wie folgt:
53 Männerchöre (9 davon ohne Jodel)
19 Gemischte Chöre (2 davon ohne Jodel)
7 Frauenchöre (1 davon ohne Jodel)
„Die Schweizer Jodlerin“:
5 Hefte mit total 45 Solo- und Duettliedern mit Handolgelbegleitung
„Jetzt wämmer eis jutze“:
1 Heft mit 15 Solo- und Duettliedern
15 Orchesterstücke mit Gesang
6 Potpourris mit Gesang und Jodel
16 Instrumentalstücke
38 verschiedene Lieder, nur im Manuskript vorhanden
10 Cornett-Quartette „Euses Schwyzerland“
(Total über 200 Werke)
Wie sind diese
Werke zu beurteilen?
Es gelang Emil Grolimund, leicht fassliche Jodellieder nach Volksart zu
schreiben. Durchwegs ist der gemütliche, heimelige Schweizerton getroffen, oft
in einer Vollendung, dass man keine Note anders setzen möchte, also bis zum
Letzten ausgereift. Wo immer es anging, brachte er freilich Farbe und
Abwechslung in die Harmonik, Kontrast ins Ganze, aber ohne sich je ausgesprochen
kunstgemässer Chromatik zu verschreiben. Er blieb auch im Jodel melodisch fein
ausgeglättet, dem wahren Naturbild treu, welches er nicht durch Kunstgriffe
trüben wollte. Er war ein Talent, das im Boden der Heimat wurzelte. Mit einem
angeborenen (und erarbeiteten) künstlerischen Gewissen schrieb er seine echt
schweizerische, romantische Musik, oft melodisch in körniger Gedrängtheit und
mit einem derb-älplerischen, naturechten Realismus. Sein poetischer Schwung und
die symmetrische Gliederung fallen auf und fesseln den aufmerksamen Zuhörer. Die
Jodellieder wirken besonders durch ihren Frohmut, ihre heimelige Wärme, aber
auch durch den häufig anzutreffenden gesunden Humor. Und wenn man erst bedenkt,
dass vielleicht der Grossteil seiner Lieder nach 12- bis 15-stündigem
„Tageskrampf“ entstanden ist, dann muss man Respekt bekommen vor diesem Mann,
vor dieser gewaltigen Arbeitskraft.
Alle seine Lieder sind korrekt und mustergültig gesetzt. Emil Grolimund hat
zeitlebens gelernt und sich dann als Meister der Volksmusik erwiesen. Darum
steht er mit seinen Werken neben Krenger, Schmalz und Fellmann in der Geschichte
des Jodelliedes sicher an erster Stelle. Und es steht ausser Zweifel, dass seine
Arbeit für die seinerzeitige und die folgenden Komponistengenerationen
wegweisend und einflussreich war und immer noch ist.
Es ist zu hoffen, dass die Qualität solch „alter“ Kompositionen wieder vermehrt
erkannt und geschätzt wird. Sicher aber sind sie musikalisch und formal
ausserordentlich wertvoll und verdienen es, wieder an Festen und Konzerten
gesungen zu werden.
Quelle: „Bärgfrüehlig 2/1986“, Autor Heinz Willisegger, Stand 30.7.07, TA