
Jugendzeit
Robi
Fellmann verlebte seine frühe Jugendzeit und die ersten Schuljahre bei
Verwandten im luzernischen Uffikon.
Seine Mutter stammte aus einer musikalischen Familie. Katharina Fellmann (1860 –
1932) wohnte und arbeitete nach der Geburt ihres Sohnes weiterhin in Baar ZG.
Zehn Jahre später wurde ihr Beruf in amtlichen Akten mit „Haushälterin“
umschrieben. Am 23.Februar 1895 heiratete sie den Seifensieder Anton Gut. Dieser
stammte aus Reiden LU und arbeitete in St.Gallen, bevor er in einer Seifenfabrik
in Zug eine Anstellung fand. Als er heiratete, lebte Anton Gut in Baar. Am
21.Juni 1896 gebar Katharina Gut-Fellmann ihr zweites Kind Emil. Nach
Aufenthalten in Paris und Genua kehrte Emil in seinen Geburtsort zurück und
stieg zum Direktor der Zuger Kantonalbank auf. In der Gemeinde Baar bekleidete
er zahlreiche Ämter. Mit seinem Halbbruder Robert pflegte er zeitlebens ein
freundschaftliches Verhältnis.
Seinen Vater kannte Robert Fellmann nie.
In der 4.Klasse kam er nach Baar, wo er auch die Sekundarschule besuchte. Von
dort kehrte er für vier Jahre nach Uffikon zurück, um auf dem Hof seines Göttis
als Verdingbub kräftig mitzuarbeiten. In dieser Zeit musste er eine Ausbildung
zum Käser absolviert haben, ist doch 1904 im Dienstbüchlein des angehenden
Rekruten als Beruf „Käser“ angegeben. Seine Ehefrau Annemarie wusste später auch
zu berichten, dass Fellmann damals in der Westschweiz Käsen lernen wollte,
allerdings schon nach drei Tagen wieder zurück nach Uffikon gekommen sei. Hier
muss er mit scharfem Auge und wachen Sinnen dabei gewesen sein. Wie anders wäre
es möglich, dass er später Blumen und Weiden, Volk und Heimat, Freuden und
Leiden so natürlich hätte besingen können.
Hier begann auch seine musikalische Tätigkeit. Er holte im benachbarten Buchs,
wo er im Kirchenchor mitsang, mit einem Wägeli ein Klavier, um darauf unter der
Leitung des jungen Lehrers A.Pfäffli seine ersten Fingerübungen zu machen. Mit
elf Jahren erhielt er also seinen ersten Klavierunterricht.
Im Januar 1907 verliess er Uffikon und meldete sich im Juni 1907 in Basel an.
Etwas mehr als ein Jahr arbeitete er fortan als eidgenössischer Grenzwächter am
Grenzwachtposten Riehen, wo er auch wohnhaft war.
Im Juni 1908, als 23-jähriger, kehrte Robert Fellmann in die Innerschweiz
zurück.
Auf Grund seiner künstlerischen Begabung besuchte er dann von von 1908 bis 1913
die Kunstgewerbeschule in Luzern, wo seine Fähigkeiten auffielen. Anfänglich
wohnte er wieder in Baar bei seiner Mutter Katharina Gut-Fellmann und ihrer
Familie im Büel. 1911 liess sich Robert für fünf Jahre in der Stadt Luzern
nieder. Unter Direktor Weingartner und Professor Mattmann schloss er seine
Studien als Zeichner, Modelleur und Holzbildhauer ab. Eine angebotene Stelle als
Zeichnungslehrer schlug er allerdings aus. Er erlernte das Zitherspiel und
entpuppte sich allmählich als klangvoller Tenorsänger. (Die herrliche Stimme
verlor er später infolge einer hartnäckigen Stimmbandentzündung). Er leitete den
Zithernklub Baar. Immer mehr erfasste ihn sein Hobby, immer mehr drängte es ihn
zur Musik.
Im Militär war er Mitrailleur. Er diente als Gefreiter während der ersten
Mobilisation auf dem Gotthard und im Wallis, wo er durch wertvolle
Federzeichnungen Land und Leute verewigte. Dort schrieb er auch die ersten
Verse.
1915 hörte er im Sperrfort Gondo (Simplon VS) die erste Jodelliederplatte. „Der
Jodelgesang mit dem schlicht-harmonischen Begleit hatte es mir als urchigen
Schweizer angetan. Warm durchströmte es mich, und mit Wasser in den Augen
entschloss ich mich, das zu werden, was ich heute bin“, hat er später bekannt.
In dieser Zeit lernte er Fräulein Annemarie Andermatt kennen, die ihm am 8.
August 1918 eine verständige, liebevolle Lebensgefährtin wurde. Sie erkannte
früh Robis dichterisches und musikalisches Talent und trug durch ihre positive
Einstellung und Ermunterung viel zu seiner künstlerischen Entfaltung bei. Sie
ist denn auch im prächtigen Lied „Annemarie“ verewigt. Robert verlebte mit ihr
eine glückliche Ehe. Leider waren ihnen keine Kinder beschieden.
Entwicklung und
Reifezeit
Um
diese Zeit fand man Robi Fellmann oft auf Wander- und Hochgebirgstouren, in
Alphütten und an volkstümlichen Festen. Immer wieder zog es ihn hinaus in die
Natur, immer war er ein aufmerksamer Lauscher und Beobachter, über allem ein
geselliger Kamerad. So traf er sich mehr und mehr mit sangesfreudigen Kameraden
des Turnvereins, mit den Freunden Melliger Fritz, Widmer Otto, Scheurer Albert,
Hug Josef, Schumacher Alois und Gasser Anton. Zusammen gründeten sie das
Quartett des Turnvereins Baar ZG. Aus diesem Freundesquartett wuchs der
Jodlerklub Heimelig Baar hervor, der unter Fellmanns Direktion zu grosser Blüte
emporstieg.
Das Liederrepertoire des Quartetts bewegte sich anfänglich zwischen gemütvollen,
einfachen Männerchorliedern, Volks- und Scherzliedern, mehr oder weniger
schmalzigen Liedern aus Tirol und der Steiermark und den ersten Jodelliedern.
Robi begleitete die Lieder mit der Zither und sang die Tenorsoli, während Fritz
Melliger lange Jahre mit seiner warmen Stimme die Baritonsoli übernahm. Hier
„verbrach“ Robi mit 25 Jahren sein erstes Kompositionswerk, das typisch für sein
späteres Schaffen war: eine Schnitzelbank voller Witz, Schalk und Homor, und
jeder Vers mit einer anderen Melodie.
Nach und nach spürte Robi ein Ungenügen in seiner musikalischen Ausbildung.
Seine Anlagen, sein Temperament, seine künstlerische Ader zogen ihn immer mehr
zur Musik hin. In hartem Selbststudium und in Privatunterricht bei Musikdirektor
Hellriegel (Klavier) und bei G.Fessler-Henggeler (Harmonie- und
Kompositionslehre) holte er sein musikalisches Rüstzeug. In der Emanzipation der
zweiten Lebenshälfte, wie man heute so gelehrt sagt, gab er seinen angestammten
Beruf auf. Er nahm die „Brauerei“ in Baar in Pacht. Schon längst war sein Herz
bei der Musik. „Dem Jodellied werde ich Zeit meines Lebens meine ganze Kraft
schenken“, schrieb er in sein Tagebuch. Und als Wirt war er nun frei für sein
Musikschaffen. In einem inneren Reifeprozess fand er seinen Weg, den Weg zur
Volks- und Jodelmusik, angeregt durch die grossen Altmeister Rudolf Krenger,
Oskar Schmalz und A.L.Gassmann.
Er entwickelte seinen persönlichen Stil, einen Stil von unübertrefflicher
Ausdruckskraft. Seine Lieder entstanden auf Spaziergängen, in der Bahn, auf
Hochgebirgstouren. Immer trug er ein Notenblatt bei sich. Dann spielte er das
neue Lied zuerst seiner Annemarie vor und freute sich über ihr Urteil. Als
bescheidener Mensch unterbreitete er seine Werke auch seinem späteren Freund,
Musikdirektor A.L.Gassmann, zur Begutachtung, welcher sie mit lobenden Worten
zurücksandte.
Der
Vereinsgründer
Nachdem Robert Fellmann 1916 nach Baar zurückgekehrt war, engagierte er sich mit
grossem Einsatz im Kulturleben seiner Wohngemeinde.
In Uffikon hatte er als Jugendlicher Zither spielen gelernt, und in Baar gehörte
er zu den Mitgründern eines Zitherklubs. Das exakte Gründungsdatum lässt sich
nicht mehr ermitteln. Am 10.März 1917 aber kündigte der noch junge Verein in der
Zuger Wochenzeitung sein erstes Konzert im Restaurant Bahnhof an. Ob Robert
Fellmann schon damals die Leitung des Klubs innehatte, ist unklar. Im Dezember
1923 wird der Zitherklub Baar in einer Zeitung gelobt: „Der unter der Leitung
von Robert Fellmann stehende, noch junge Verein hat ein hübsches, gut
einstudiertes Programm geboten. Fellmann hat seine Spieler gut im Griff und
versteht es, schöne Klangwirkungen aus dem 25 Mitglieder zählenden Orchester
herauszuholen“.
Noch während Fellmann im Zitherklub Baar aktiv war, gründete er zusammen mit
zehn weiteren Männern, die Meisten davon Mitglieder des Turnvereins Baar, am
28.Mai 1919 ein „Sänger-Doppelquartett“, das sich als „Zweigsection“ dem
Turnverein anschloss und sich „Sänger- und Jodel-Doppelquartett des Turnvereins
Baar“ nannte. Fellmann übernahm das Amt des Dirigenten. Zwei Jahre später wurde
das Doppelquartett ein selbstständiger Verein und nannte sich fortan
„Doppelquartett Baar“. Ab 1930 schliesslich trat dieser Chor unter dem Namen
„Jodlerklub Heimelig Baar“ auf.
Am 21.April 1930 erhielt Robert Fellmann einen Besuch des JDQ des TV Kilchberg
ZH. Die Kilchberger Jodler erzählten, dass sie ihre Anmeldung für das
Eidgenössische Jodlerfest am 31.Mai/1.Juni in Zürich infolge Wegzug ihres
Dirigenten wieder absagen mussten. Fellmann schrieb dazu im Tagebuch: „Da sie
als Wettlied ’Rigichind’ gewählt hatten, entschloss ich mich, ihnen aus der
Patsche zu helfen und die Direktion bis zum Fest zu übernehmen“. Nach einem
guten Erfolg in Zürich übernahm er „auf vielerlei bitten hin“ das Dirigentenamt
in Kilchberg definitiv.
Er brachte die beiden Chöre, „Heimelig Baar“ und „JDQ des TV Kilchberg“, zu
höchster Blüte. Sie durften als erste seine Neuschöpfungen einstudieren, und man
war immer wieder gespannt auf deren Uraufführungen.
1926 gründete Fellmann zusammen mit anderen Interessierten auch den Jodlerklub
des Bernervereins Zug. Er dirigierte diesen Klub, bis er sich nach anderthalb
Jahren wieder auflöste.
Rund drei Jahre lang stand Robert Fellmann auch dem Jodlerklub Cham (heute „Schlossgruess“
Cham) als Dirigent vor und dirigierte diesen bis im Sommer 1930. Im September
desselben Jahres verlieh ihm der Klub die Ehrenmitgliedschaft.
Am 12.Oktober 1941 gründeten einige Frauen in der „Brauerei“ die Trachtengruppe
Baar. Annemarie Fellmann wurde zur Kassiererin gewählt und Robert Fellmann zum
Dirigenten des Trachtenchors. Mit dem ihm eigenen Humor hält er dies im Tagebuch
wie folgt fest: „Mich machten sie grad zum Ehrenmitglied, damit ich die
Gesangsgruppe dirigiere. Amen!“
Schöpferische
Phase
Nun
begann seine grosse schöpferische Phase. 1925 erschien der „Chiltgang“, und
hierauf folgten in schneller und ununterbrochener Reihe eine grosse Zahl seiner
Meisterchöre in seinem Selbstverlag: „Eigenthalerlied“, „Dorfchilbi“, „Früehlig“,
„Tanzliedli“, „Alpmorge“, „Schnittertanz“, „Fyrabig“, „Abschied“, „O
Heimatland“, „Bärgblueme“, „Wengernalpjodel“, „Wieder isch es Maie“, „Sommerszyt“,
„Morge uf der Alp“, „s Rigisennelied“, „Alpfahrt“, „Aelplerchilbi“, „Bärgfrüehlig“,
„Alpabig“, „Alpenacht“, „z Alp“, „Chilbiläbe“, usw.
In all diesen unsterblichen Jodelliedern tritt uns Fellmann als meisterhafter
Komponist und Textdichter entgegen, träf und knorrig in der Sprache,
bodenständig und witzsprühend im Inhalt, wuchtig und beschwingt in Melodie und
Chorsatz. Die formale Kunst, die Entwicklung der Themen, die geradezu
klassischen Durchführungen, die aussagekräftigen, formenreichen Jodel stempeln
Robi Fellmann zum Klassiker unter den Jodelliederkomponisten, so z.B. in „s’Rigichind“.
Später schuf er auch zahlreiche Jodel- und Sololiedchen, die in ihrer schlichten
Gefälligkeit und geschlossenen Form zu den Bijous unserer Einzeljodlerinnen- und
Duettliteratur gehören.
Der wort- und dialoggewandte Dichter schuf auch ungefähr ein Dutzend
Volksstücke, wovon eine Anzahl Ein- und Zweiakter, die immer wieder gern
gespielt und gesehen werden. Zu diesen Werken gehören „Liebesprob am Rigibärg“,
„Waldpuur“ in zwei Fassungen, „Leid und Freud“. „Der Meisterchnächt vom
Tannerhof“ wurde sein populärstes Werk, lebendig, witzig, voll drolliger
Überraschungen. Was sich in diesem Werk in kurzen zwei Stunden alles
zusammenbraut, übertrifft die kühnsten Erwartungen. In unverfälschter
Natürlichkeit zeichnet der Autor Charaktertypen, Typen aus dem Volk voll Kraft
und Eigenständigkeit. Diese entwickeln und verwickeln sich im Verlaufe des
Geschehens, die Gegensätze wachsen, die Handlung treibt dem Höhepunkt zu. Die
einstmals geknechtete junge Generation siegt, und die Spannung löst sich in
einem unerwarteten „Happy-End“.
Fellmanns Stoffkreis umfasst ausser der Bergwelt, dem Bergerlebnis und
älplerischen Brauchtum auch das dörfliche Brauchtum und das Liebeslied. Vieles
sagt er mit verhaltenem oder schalkigem Humor, ebenso meisterhaft aber versteht
er auch die grösste, feierliche Stimmung und Gebärde gewandt in Worte zu fassen.
Seine Texte sind voll Bildkraft und Originalität, jede Strophe eigenständig,
thematisch geschlossen und ausserordentlich formenreich. Er ist ein
meisterhafter Lyriker und ebenso begabt als Epiker, als Erzähler, intensivste
Stimmung in einem, schnellste Stimmungsumschwünge im andern Lied.
Sein Melodienbau ist rhythmisch-motivisch von prägnantester Einheitlichkeit, die
meist bis zur charakteristischen Durchbildung selbst der Jodelbegleitung geht.
Damit stösst er als überragender Meister der Volksmusik in das Gebiet der besten
romantischen Liedmelodik vor. Er kann in vielen Teilen mit dem Liedmeister Franz
Schubert, aber auch mit dem grossen Dramatiker Ludwig van Beethoven verglichen
werden. Auch die Reinheit der Harmonik und seine ausserordentliche Satzkunst
weisen seinem Chorlied unbestreitbar eine bedeutende künstlerische Rangstufe der
romantischen Chorlied-Komposition ganz allgemein zu. Dabei bleibt er mit Absicht
und eindeutiger Klarheit im Rahmen des Schweizerisch-Bodenständigen. Deshalb ist
Fellmanns Chorlied mit seinem ausgeprägten Persönlichkeitsstil gleichzeitig echt
volkstümlich und zugleich hochstilisiertes Kunstlied. Er ist in dieser Art
einmalig in der schweizerischen Musikgeschichte.
Kurswesen
Ein
grosses Vermächtnis hinterliess uns Fellmann auf dem Gebiet des Kurswesens. Als
der erstarkte EJV seinen ersten zweitägigen Kurs auf den 15./16.Oktober 1932 im
Seminar Hofwil bei Bern ankündete, war Fellmann Kursleiter für das Thema: „Aus
der Werkstatt des Jodlerkomponisten“.
Unter Zentralpräsident Fritz Stucker schuf Robi Fellmann im Jahre 1943 zusammen
mit O.F.Schmalz, A.L.Gassmann und Walter Hunziker die „Schulungsgrundlage für
Jodler und Jodlerinnen“, nachdem er in einem zweitägigen Doppelkurs des EJV in
Luzern im Oktober 1935 eine erste Schulungsgrundlage ausprobiert hatte. Die
Einteilung der Jodel in Singjodel, in Jodelmelodien mit Zungenschlagtechnik und
mit Kehlkopfschlag, in Chugeli-Jodel und in Tröhljodel war Fellmanns Schöpfung.
Die Schulungsgrundlage erhielt im Dezember 1961 durch Max Lienert eine wertvolle
Ergänzung in Form eines Jodlerkurs-Repetitoriums und ist heute noch (1971) als
wegweisendes Werk in Gebrauch. Damit hat Robi Fellmann die blühende Entwicklung
und die fortgesetzte Qualitätssteigerung des Jodelgesanges entscheidend
beeinflusst.
Er war denn auch während 15 Jahren im ZSJV Kursleiter für Jodler und Dirigenten,
wobei ihm Anna Leuenberger, alias Frau Rathmann, als Demonstrationsjodlerin treu
zur Seite stand und ihn tatkräftig unterstützte und wertvoll ergänzte.
Die
„Schulungsgrundlage für Jodlerinnen und Jodler“
Robert Fellmanns Jodellehrbuch von 1943 ist der bisher einzigartig gebliebene
Versuch einer schriftlichen Anleitung zum Erlernen des Jodelns. Wie Fellmann
selber ist auch sie in Jodlerkreisen sehr bekannt, aber ausserhalb erstaunlich
unbekannt geblieben.
Als Kursleiter war Fellmann besorgt um die Ausbildung von Sängern, Jodlern und
Jodlerinnen. Er hatte schon in den 1920er Jahren feststellen müssen, dass es
zwar zahlreiche jodelbegeisterte Sänger gab, dass aber viele Jodlerklubs Mühe
hatten, Solojodler oder Solojodlerinnen zu finden. Auf dem Land gab es zwar
durchaus Leute, die das Jodeln und Juzen schon als Kinder erlernt hatten. Diese
Naturjodler und –jodlerinnen waren oft hervorragende Solisten, aber sie
erfüllten die Ansprüche nicht, die Fellmann für das kultivierte Jodelchorlied
stellte. Sie konnten oft nicht Noten lesen, eine unabdingbare Voraussetzung für
die Interpretation von Fellmanns Liedern, und sie waren das Singen im Jodlerchor
nicht gewohnt. In den Städten aber, wo die Jodlerbewegung entstanden und noch
immer am stärksten war, gab es zahlreiche Sänger, die mehr oder weniger gut
ausgebildet und des Notenlesens mächtig waren, bloss jodeln konnte hier kaum
jemand. An diese Sänger wandte sich die Schulungsgrundlage. Fellmann hatte
erkannt, dass der Jodlermangel nur behoben werden konnte, wenn sich aus den
Reihen der Chorsänger Jodler entwickelten. All denen, die das Jodeln nicht schon
als Kinder gelernt hatten, wollte Fellmann mit seiner Schulungsgrundlage die
Möglichkeit geben, es rasch und einfach zu erlernen.
Er gliedert die neunzehn Beispiele des ersten Teils nach einer von ihm
entworfenen, durchaus wissenschaftliche Ansprüche erfüllende Systematik, die von
der Gesangstechnik ausgeht.
Dem Jodelschüler müssen aber nicht nur die verschiedenen Jodeltechniken
beigebracht werden. Er muss auch lernen, wie ein Jodel mit Silben zu unterlegen,
zu „vokalisieren“ ist. Deshalb ist der erste Teil der Schulungsgrundlage
überschrieben mit „Übungen und Beispiele in der Vokalisation“. Die Vokalisation
ist beim Jodeln in doppelter Hinsicht wichtig. Ähnlich wie ein zweckmässiger
Fingersatz beim Klavierspielen vereinfacht eine günstige Silbenauswahl die
Ausführung eines Jodels und hilft so dem Anfänger. Alle Beispiele des ersten
Teils sind deshalb mit Silben unterlegt, damit der Anfänger die gängigsten
Silbenkombinationen durch die Praxis erlernt. Die Art der Vokalisation ist aber
nicht nur eine technische, sondern auch eine ästhetische Frage. Schliesslich
liegt der Reiz des Jodelns nicht zuletzt im Spiel der Klangfarben der
verschiedenen Jodelsilben.
Fellmann verzichtet aber darauf, Regeln anzugeben, wie zu vokalisieren sei. Als
Kenner der verschiedenen Naturjodeltraditionen wusste er, dass in der Schweiz je
nach Gegend anders vokalisiert wurde, also verschiedene Variationen bei der Wahl
der Jodelsilben existieren. Er bemerkt nur, dass in allen Übungsbeispielen der
Verschlusslaut „d“ absichtlich nicht gebraucht werde, dafür der Konsonant „l“
und die Kehllaute „h“ und „j“ reichlich Verwendung fänden (er gebraucht das „d“
an gewissen Stellen aber trotzdem). Er entwarf in seinen Beispielen also eine
Art vereinfachte Vokalisation, die dem Anfänger helfen sollte, möglichst rasch
und einfach das Jodeln zu erlernen.
Fellmanns Vokalisierungsvorschläge erfüllen ihren Zweck als didaktische Hilfe.
Als Abgrenzungskriterium hingegen taugen sie wenig, weil sie nie als solches
gedacht waren. Zudem kann das Problem der Unterscheidung verschiedener
Jodeltraditionen nicht mit solch einfachen Grundsätzen gelöst werden.
Die Schulungsgrundlage, falscherweise als „Jodelreglement“ verstanden, bewirkte
für den Naturjodel also genau das Gegenteil dessen, was Fellmann beabsichtigt
hatte. Er wollte durch die erfolgreiche Verbreitung des Jodelchorlieds den
altüberlieferten Naturjuz wiederbeleben, indem er die Klubjodler dafür zu
begeistern suchte. Geschehen ist genau das Gegenteil: Dem Naturjuz wurde die
Anfängervokalisation aufgezwängt, die Praxis des Stegreifs unterbunden und die
ungeschulten Naturstimmen durch chorisch geschulte ersetzt. Obwohl sich Fellmann
selber, Max Lienert, Heinrich Josef Leuthold und zahlreiche andere immer wieder
vehement gegen diese Tendenz zur Wehr gesetzt haben, sind die Auswirkungen bis
heute spürbar. Einerseits wurde der Naturjodel normiert und vereinheitlicht, was
die Weiterentwicklung dieser Tradition empfindlich gebremst hat.
Der Archivar
Nicht unerwähnt bleiben darf sein Wirken als Archivar des Musikarchivs, das der
EJV auf Robis Initiative 1938 gründete und das er bis zu seinem Tode 1951 als
umsichtiger Betreuer verwaltete. Seine Kriterien zur Aufnahme eines Werkes ins
Musikarchiv fasste Robert Fellmann 1938 wie folgt zusammen:
1. Schweiz.Einschlag
2. Brauchbares Verhältnis vom Lied zum Jodel
3. Wert der Komposition in Bezug auf reinen Satz
4. Wert der Dichtung
5. Ist die Komposition schwer, mittelschwer oder leicht
Die Sammlung enthält Handschriften und Werke von Ferdinand Huber, Jakob Kuhn,
Rudolf Krenger und vieler anderer Schweizerischer Volksdichter und Komponisten.
Ab 1951 betreute Jakob Düsel das Archiv des EJV. Er schrieb dazu: „In Ehrfurcht
an diesen prächtigen Menschen Robert Fellmann, der uns allen stets ein
wohlgesinnter und hilfsbereiter Freund und Berater war, haben wir sein Werk nach
bestem Wissen und Gewissen in seinem Sinn und Geist weitergeführt. Erneut geht
unser Appell an alle Dichter, Komponisten und Verleger, ihre Neuschöpfungen
unserem Musikarchiv zur Verfügung zu stellen, damit ihr Werk später dort
weiterlebt zum Nutzen der Kultur des EJV“.
In den
Verbänden
Im
März 1929 wurde Robert Fellmann in den Vorstand des Zentralschweizerischen
Jodlerverbandes gewählt. Von 1934 bis 1949 wirkte er als dessen Vizepräsident.
In dieser Funktion war Fellmann nicht nur Mitorganisator von Festanlässen,
sondern auch Kursleiter, Gesamtchorleiter und Mitglied verschiedener
Kommissionen. 1937 verlieh ihm der Verband die Ehrenmitgliedschaft, mit der ihn
der Eidgenössische Jodlerverband bereits ein Jahr zuvor geehrte hatte. 1930
wurde Fellmann von der Delegiertenversammlung des EJV erstmals zum Kampfrichter
für das Schweizerische Jodlerfest in Zürich gewählt. Die Regelung von 1924, nach
welcher Leiter von Jodlerklubs nicht als Kampfrichter wählbar waren, war
aufgehoben worden. Fellmann übte das Amt des Kampfrichters vom dritten bis zum
siebten Eidgenössischen Jodlerfest (1930 bis 1946) aus.
Der
Privatmensch
So
war sein Leben erfüllt im Dienste des Jodelgesanges. Nebstdem war er auch
Privatmensch. Im Jahre 1940 baute sich der unverwüstliche Optimist, obwohl alle
wegen der unsicheren Lage abrieten, ein kleines Chalet am Ausgang des Dorfes
Baar, den „Sonne-n-egge“. So sah man ihn dort oft bei seiner
Lieblingsbeschäftigung im Garten.
Krankheit und
Tod
Mitten in dieser fruchtbaren Tätigkeit erlitt Robert Fellmann am 4.Mai 1947
einen Hirnschlag, der ihn auf der ganzen rechten Körperhälfte lähmte. Trotz
seiner leidvollen Lage arbeitete Robi mit eiserner Energie weiter. Mit Freude
schickte er Frau Rathmann seine ersten Schreibübungen und war dabei richtig
stolz auf seine nach jeder Übung gemachten Fortschritte. Mit Energie begab sich
der Unermüdliche ans Klavier und setzte mit der Linken seine Rechte Hand auf die
Tasten, um eine neue Melodie vorzuspielen. Es war eines seiner letzten Werke: „Aelplerläbe“,
das unverkennbar einen Zug ins älplerische Stegreifsingen aufweist.
Trotz dieser Energie blieb seine Gesundheit durch die Lähmung dauernd schwer
angeschlagen, und so schloss der grosse Meister am 16.Oktober 1951 für immer
seine Augen.
Die Gemeinde Baar errichtete ihm 1958 eine Fellmann-Gedenkstätte mit einer
künstlerischen Plastik. Die poetisch geformte, aus begeisterter Freude
entsprungene Plastik von August Blaesi, Stans-Luzern, ist fortan stummer Kunde
eines grossen Schweizer-Komponisten. Sie wurde in einer würdigen Feier im
Oktober 1958 eingeweiht.
Die Gemeinde Uffikon ehrte am 24.August 1969 das Schaffen ihres Mitbürgers mit
einem schmucken Dorfbrunnen.
Fellmanns Erbe
Nach
dem Tode von Frau Fellmann im Jahre 1964 kam der Fellmann-Verlag gemäss
testamentarischer Verfügung mit allen Werken und Urheberrechten an den ZSJV mit
der Auflage, die Reingewinne in einer Stiftung zur Förderung des Jodelgesanges
sicherzustellen. Der ZSJV betraute Ehrenpräsident Sepp Inderbitzin, Altdorf, mit
der Führung des Verlages. Die Stiftung wurde inzwischen errichtet und hat eine
schöne Summe erreicht, sodass die jährlichen Erträge des Stiftungsvermögens
langsam dem Stifterwillen gemäss eingesetzt werden können.
Neben der Herausgabe unveröffentlichter Werke Robert Fellmanns soll die Stiftung
das Jodelliedschaffen aktivieren und die Fortbildung und insbesondere die
Jodellied- und Naturjodelforschung fördern. Damit führt Robert Fellmann dank
seinem grosszügigen Vermächtnis sein Lebenswerk weiter hinein in eine neue Zeit.
An uns liegt es nun, als Interpreten seines Liedschatzes oder als
Mitkomponisten, das Jodellied auszustrahlen in eine Welt des Umbruches, der
einseitigen Intellektualisten und Technokraten.
Quelle: „Bärgfrüehlig“ 2/3 1971 (Autor: Jost Marty), Buch „Robert Fellmann, Ein Leben für das Jodellied“, Buch „75 Jahre EJV 1985“, Stand 20.8.2007, TA